Kennst du das?
Du hast dir vorgenommen, eine unliebsame Angewohnheit abzulegen. Und doch bleibt sie dir, trotz mehrerer Anläufe und verschiedener Methoden, erhalten?
Damit bist du nicht allein und hier gibt es einiges zu beachten, was ich dir in diesem Artikel aufzeigen will, damit du besser verstehst, warum es gar nicht so einfach ist, dich von deiner Gewohnheit trennen zu können.
Was ist eine Gewohnheit?
Eine Gewohnheit ist ein Verhalten, welches du so oft durchgeführt hast, so dass sie dir ein Gefühl von "das ist mir vertraut" und "das gehört zu mir" oder "eben ich" vermittelt.
Das bedeutet, du überlegst nicht mehr, ob, wann, oder wie du sie tust.
Das kann sein, die Art wie du lachst, wenn dir etwas peinlich ist oder wie du dein Frühstück einnimmst. Also alles, was dir eben gewohnt vorkommt und du dich dadurch auch ein Stück weit sicher fühlst, denn Gewohnheiten bilden den Rahmen deiner Komfortzone.
Und lässt du dieses Verhalten weg, fühlt sich das für dich unnatürlich an. Es fehlt etwas und das versetzt dich mental unter Druck. Deswegen wird dann Cortisol, ein Stresshormon ausgeschüttet. Das vegetative Nervensystem schlägt an und meldet: "Alarm!", wodurch dein Körper in den "Fight or Flight"- Modus versetzt wird. Das führt wiederum dazu, dass die Produktion von Serotonin, ein ganz wichtiges Hormon für dein Wohlbefinden, herabgesetzt wird. Und nun ist der Körper bestrebt, das vegetative Nervensystem wieder in Balance zu bringen.
Verständlich, den unnötige Aufregung braucht keiner.
Das führt jedoch auch dazu, dass du "leichter" in die Gewohnheit zurückfällst, um eben deinen Körper wieder entspannen zu können. Nur jetzt fängst du an, mental zu struggeln, denn schließlich willst du ja Veränderung. Also erfolgt wieder eine Cortisol-Ausschüttung.
Ein Teufelskreis.
Später werde ich noch auf die Notwendigkeit von mentaler Stärke eingehen. Aber lass dir hier schon an dieser Stelle gesagt sein: "Dir fehlt es nicht an Disziplin."
Was hat Neuroplastizität mit unseren Gewohnheiten zu tun?
Unser Organismus arbeitet gern energiesparend. In Bezug auf unser Gehirn bedeutet dies, dass es versucht die Verbindungen zwischen den einzelnen Arealen und innerhalb des neuronalen Netzwerkes so anzupassen, dass es zu deiner Komfortzone am besten passt.
Dadurch arbeitet dein Gehirn sehr effizient.
Dieser Vorgang ist dabei dynamisch, d.h. stellt sich eine Änderung in deinem Leben, die eine Veränderung deines Verhaltens unabdingbar macht, ist dein Gehirn in der Lage seine Struktur dahingehend neu anzupassen, bis es gemessen an der zu erbringenden Energieleistung wieder stimmig ist.
Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es dich sofort bei der Ablegung einer Gewohnheit unterstützen mag. Schließlich hat das bestehende System seine Berechtigung gehabt und funktioniert zudem in der Interaktion zwischen Neuronen und Hirnarealen bestens.
Wie entsteht eine Gewohnheit?
Kannst du dir vorstellen, dass du nichts ohne Grund tust? Du verfolgst also immer ein Ziel. Selbst wenn du dich nur mit dem Handy scrollen beschäftigst.
Die Ziele sind uns jedoch nicht immer bewusst zugängig und rational erklärbar, das bedeutet, sie liegen in unserem Unterbewusstsein. Dabei sind sie in der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen verankert und nur psychologisch begründbar.
Also auch wenn du meinst, du könntest mit guten Argumenten erläutern, warum du etwas tust, wirst du nur die Spitze des Eisberges darlegen können.
Doch was heißt das nun konkret?
Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Angefangen bei den physiologischen Grundbedürfnissen wie Atmung, Wasser, Nahrung, Schlaf, Fortpflanzung, die auch als Existenzbedürfnisse bezeichnet werden. (Informiere dich hier gern über die Maslowsche Bedürfnispyramide)
Tritt nun ein Bedürfnis, welcher Art auch immer auf, wirst du Mittel und Wege finden, dieses zu stillen. Dabei machst du dir seit deiner Geburt an die Fähigkeit des Beobachtens und des Nachahmens zu nutze.
Das bedeutet, du siehst, wie jemand anderes etwas bestimmtes erreicht. Je nachdem wie eindrucksvoll das Ergebnis ist oder wie bedeutsam die Person war, die du beobachtet hast und wie gut dir die Nachahmung gelingt, speicherst du in dir die Erkenntnis ab, dass dieses Verhalten jenes Ergebnis nach sich zieht.
Als Beispiel: Du fällst als Kleinkind hin und du registrierst, dass die Eltern sofort angerannt kommen und dich bemuttern. Diese Erfahrung wird in deinem Gehirn als Erinnerung abgelegt und weil es sich gut angefühlt hat, so umsorgt zu werden, verknüpfst du diese Erinnerung noch mit einer bedingten Emotion (Hier kommt bald eine Verlinkung zu einem Blogartikel bezüglich: Was ist der Unterschied zwischen bedingten Emotionen und unbedingten Gefühlen?.)
Nun fällst du zu einem späteren Zeitpunkt wieder hin und Millisekunden zeitversetzt, fängst du, als du merkst, dass keiner dein Hinfallen gesehen hat und deswegen auch nicht angestürmt kommt, mit Weinen bis Schreien an.
Dies auf einem Spielplatz zu beobachten ist herrlich. Das Kind testet quasi, ob die Erinnerung stimmt. Passt das erzeugte Verhalten der Eltern, wird nun entgültig die Kombination "Hinfallen=Weinen=Aufmerksamkeit=tut gut" gespeichert. Je häufiger dies dann zur Anwendung kommt, um so automatisierter spielt sich dieser Ablauf ab, bis das Kind es für gegeben hält, dass es normal ist, dass man beim Hinfallen weint, auch wenn es gar nicht wehtut.
Und so kannst du dir die Entstehung von jedem gewohnten Verhalten vorstellen und auch reflektieren.
Was haben das Selbstbild und die Idealvorstellung von sich mit den Gewohnheiten zu tun?
Angenommen du denkst von dir, du seist ein Sportmuffel. Was meinst du, was würde dir demnach leichter fallen die Treppe oder der Fahrstuhl, das Auto oder das Zufußgehen, das Joggen oder das Auf-dem-Sofa-gemütlich-machen?
Richtig, dass was zu der Vorstellung über einen Sportmuffel passt.
Und dann ist das mit dem Selbstbild ja gar nicht so einfach, denn es liegt in der Persönlichkeitsstruktur des Menschen begründet und befindet sich, wie weiter oben erwähnt im Unterbewusstsein.
Das bedeutet, nicht alles ist so klar erkennbar, wie jetzt bei dem Beispiel Sportmuffel.
Erst letzte Woche hatte ich eine Klientin da, die erzählte, dass sie keine Idee für ein Hobby hätte. Da die Kinder jetzt aus dem Haus seien, wüsste sie nicht so gut mit ihrer gewonnenen Freizeit anzufangen und fühlt sich damit auch nicht wohl.
Sie ist so von der Gewohnheit des sich um die Kinder kümmerns eingenommen, dass sie die Fähigkeit auf sich selbst zu achten, all die Jahre weitesgehend vernachlässigt hatte. Und das ist nur das Warum. Jetzt kommt noch das Wozu, weil ihr Selbstbild ihr suggerierte, dass sie es nicht wert sei, für sich selbst da zu sein. Und ihr Idealbild gaukelte ihr vor, dass sie ihren Wert durch ihre Mutterrolle gewinnt.
Das Bild von dir selbst ist also neben der Neuroplastizität ein sehr wichtiger Aspekt, welches unbdingt von dir hinterfragt werden muss, wenn du mit dem Ablegen einer Gewohnheit Schwierigkeiten hast.
Was haben die Emotionen mit einer Gewohnheit zu tun?
Erinnerungen sind Gedanken, die im Gehirn abgespeichert werden. Gab es bei dem Geschehen noch eine emotionale Beteiligung wird diese damit verknüpft und beides als Einheit in dir abgelegt. War es eine gute Emotion, wirst du bestrebt sein, diesen Gefühlszustand wieder herbeiführen zu können.
War es eine Emotion, die sich für dich nicht gut anfühlte, wirst du versuchen, diese Situation oder ähnlich gelagerte Geschehnisse in der Zukunft tunlichst vermeiden zu können.
Auch dies führt zu einem bestimmten Verhalten und läuft unbewusst ab.
Selbst wenn du logisch rational vestehst, dass es zum Beispiel kein Sinn macht, dich über das Wetter zu ärgern, wirst du dich dennoch immer wieder darüber aufregen.
Psychologisch kann man es dann doch begründen.
Entweder du hast eine Erfahrung gemacht, bei der Wetter und ein unschönes Gefühl eine Rolle spielten und jedes Mal erinnert dich zum Beispiel der angekündigte Regenguss daran, auch wenn du es nicht greifen kannst.
Oder du hast den ganzen Tag über immer wieder Momente des dich Ärgern könnens, wodurch das wiederum so vertraut für dich ist, unbewusst natürlich, dass es für dich ungewöhnlich wäre, wenn du mal zufrieden wärst.
Du erinnerst dich? Eine Gewohnheit ist etwas, was dir das Gefühl von Vertrautheit und damit von Sicherheit gibt und deswegen rennt der Mensch gern gegen die Wand, auch wenn er schon längst kapiert hat, dass dadurch keine Veränderung eintreten kann.
Was hat fehlende mentale Stärke mit Gewohnheiten zu tun?
Du triffst täglich zig Entscheidungen. Im Prinzip in jedem Augenblick deines Wachseins. Die meisten davon werden dabei aufgrund der Automatisierung von Abläufen unbewusst gefällt. Sie wurden vielmehr früher mal gefällt und später nicht mehr hinterfragt.
Oder du hast so viel um die Ohren, dass du irgendwann im Laufe des Tages gar nicht mehr die nötige Energie hast, um konsequent zu bleiben.
Und mental stark zu sein bedeutet, dir auch in Situationen, in denen gefühlt schon 100% an mentaler Wachheit alles verbraucht wurde, dennoch nicht wieder in die Falle der Gewohnheit zu tappen. Das es passiert ist, erkennst du meist daran, dass du dir hinterher eine Begründung erzählen kannst, warum es okay ist, dass du "schwach" wurdest.
Was haben Ziele mit Gewohnheiten zu tun?
Vielleicht hast du dir auch ein zu großes oder zu allgemeines Ziel bezüglich der abzulegenden Gewohnheit gesetzt, so dass du schnell vom Unbewussten eingeholt wirst.
Oder du belässt das Ziel als Ziel, das heißt du machst es nicht zur Priorität, wodurch die Idee von einer Verhaltensänderung in der Zukunft zwar für dich als Möglichkeit erhalten bleibt, aber das Leben findet nun mal in der Gegenwart statt.
Ziele sind immer etwas persönliches, wenn sie nicht mit einem physiologisch begründetem Bedürfnis erklärbar sind. (Zum Thema Essen, kann ich gern in einem gesonderten Artikel eingehen, das würde hier den Rahmen sprengen. Also teile mir gern in den Kommentaren mit, ob ich das nachreichen soll.)
Setzt man sich nun das Ziel eine Gewohnheit abzulegen, passiert folgendes:
- Man verbindet mit dem Ziel eine zu erwartende Emotionale Beteiligung, die als erstrebenswert gilt.
- Man baut in sich ein Spannungsgefühl in Form von Unzufriedenheit auf, denn ein Ziel suggeriert, dass jetzt etwas nicht in Ordnung ist.
- Man beginnt das Ziel zu erreichen und prüft, ob das was man sich darunter als Vorstellung gemacht hat, erreicht wurde. Dabei prüft man unbewusst, ob die vorgestellte Emotion eingetreten ist.
- Nun neigt der Mensch dazu, festzustellen, dass Erwartungshaltung und Resultat nicht übereinstimmen, entweder weil die Emotion nicht wie erwartet auftrat oder nur kurz oder zu wenig. Oder weil das Feedback von den Mitmenschen in Form von Anerkennung nicht eingetroffen ist. Was ja auch wieder eine Emotion nach sich gezogen hätte. Vielleicht war das Feedback sogar vollkommen konträr zur Vorstellung.
- Also wird weiter probiert und spätestens dann schaut man um sich, um rauszufinden, was die beste Methode, das beste Konzept ist, um das eigene Ziel zu erreichen. Damit macht übrigens die Industrie ordentlich Umsatz. ( Denke da nur an die Fitnessbranche, an die Ratgeber für alles Mögliche, an die ganzen Persönlichkeitsentwicklungskurse etc.)
ABER was hier total außer Acht gelassen wird, denn es gibt Menschen, die versuchen jahrzehntelang eine Gewohnheit zu ändern, ist, dass was im Fokus unseres Bewusstseins ist, wird immer unsere Aufmerksamkeit und damit unsere Energie auffressen. Da greift die mentale Stärke in Form von falscher Disziplin und verstärkt permanent das unbewusste Selbstbild und die dazugehörige Emotion. Was wiederum die Unzufriedenheit in dir nur noch steigen lässt.
Was haben Alternativen mit dem Ablegen alter Gewohnheiten zu tun?
Jede Menge, denn eine alte Gewohnheit ablegen bedeutet, dass du stattdessen etwas anderes tun willst. Selbst wenn das bedeuten würde, dass du nichts tust, was übrigens die Königsdisziplin ist.
Hast du dir kein alternatives Verhalten überlegt, bleibt deine Aufmerksamkeit bei der Gewohnheit, die du eigentlich ablegen willst. Und alles, womit wir uns aktiv beschäftigen, es also bewusst in unserem Fokus haben, hat einen hohen Stellenwert für uns und somit wird es dir unbewusst wieder lieb und teuer, also wieder zu einer Gewohnheit. Was dazuführt, dass der Wunsch des Abelgen wollens der Gewohnheit sogar die Gewohnheit an sich noch stärker in dir verankern wird. (Siehe die Menschen, die abnehmen oder endlich rauchfrei werden wollen. Und dies jahrelang und immer aufs Neue tun.)
Was musst du nun tun, um eine Gewohnheit erfolgreich ablegen zu können?
Okay, wir haben nun die Grundlagen für ein Verständnis über die Gewohnheiten allgemein geschaffen. Auch sind wir durchgegangen, warum du womöglich bisher gescheitert bist, denn sonst wärst du nicht hier gelandet, richtig?
Ich hoffe, ich konnte in dir den Druck rausnehmen, weil ich dir mit dem Artikel aufgezeigt habe, dass bei dem Thema "Gewohnheit erfolgreich ablegen" viel mehr dranhängt als du vielleicht bisher dachtest. Und ich wünsche mir, dass mir hiermit auch gelungen ist, dass du nun nachsichtiger mit dir und deinem bisherigen Tun und (Miß-)erfolgen sein kannst.
Um den Artikel von der Länge her nicht zu sprengen, werde ich in einem neuen Blogartikel das Thema "neue Gewohnheiten aufbauen - nachhaltig und mit Leichtigkeit" wieder rundum beleuchten. Möchtest du dies nicht verpassen, kannst du dich gern in meinem Newsletter eintragen, dann wirst du es sofort erfahren und erhältst auch noch eine tolle Meditationsübung, die dir beim Ablegen deiner unliebsamen Gewohnheiten helfen kann. Warum, steht dann auch definitiv im neuem Artikel.
Danke dir, dass du mir bis hierhin gefolgt bist.
Herzlichst Cornelia
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